Der Verlust der Menschlichkeit und des Menschseins - Teil III

Text: Günter Schlicker

 

Der Mensch ist sein Körper! So müsste die Beschreibung des Menschen aufgrund der heutigen Wissenschaft lauten. Was man bei sich Ich nennt, scheint nur das Körper-Ich zu sein. Ein anderes (geistiges) Ich ist der Wissenschaft fremd. Es dürfte nach den verschiedenen Ansätzen der jetzigen Forschung ein gemeinsames Produkt aus der Identifikation mit dem eigenen Körper und der Denkfunktion sein. Das Körpergefühl und die denkende Selbstreflexionsfähigkeit vermitteln uns anscheinend den Selbstbezug, den wir selbst herstellen. 

Gemeinhin wird heute der Mensch als ein Säugetier mit erweiterten Fähigkeiten gesehen. Eigentlich müsste man sie gesteigerte Fähigkeiten nennen. Besondere Fähigkeiten haben die Tiere. Wie im vorigen Teil beschrieben, bilden verschiedene Tierarten spezielle Fähigkeiten ihrer Art gemäß aus, die sie auszeichnen. Dafür sind sie geeignet, begabt. Die Menschheit ist zurzeit nichts anderes als eine eigene Kategorie von Säugetieren. Also eine eigene Gattung? Wir haben anhand unserer letzten Betrachtungen gesehen, dass die Tiere einer Gattung sich die gattungsgemäßen Fähigkeiten vererben, die Menschen aber nur durch Lernen das spezifisch Menschliche ausbilden. Von Gattung im tierischen Sinne kann also beim Menschen nicht die Rede sein. Nur rein körperliche Prozesse vererben sich: die zweiten Zähne ab dem 6., 7. Lebensjahr und später die Geschlechtsreife, nicht das was ihn vom Tier abhebt. Die körperliche Entwicklung ist ähnlich wie beim Tier, nur in anderen Zeiträumen. So ist gerade der Übergang von der Geschlechtsreife zum Erwachsenwerden beim Menschen durch eine lange Jugendzeit gekennzeichnet, während das Tier mit der Reproduktionsfähigkeit seiner eigenen Art gleichzeitig erwachsen ist. Das heißt nichts anderes, als dass die Lernzeit, die Erfahrungszeit wesentlich verlängert ist. Auch hier zeigt sich, dass der Mensch vor allem ein lernendes Wesen ist und nicht, wie das Tier hauptsächlich oder fast nur auf Vererbung aufbaut. 

Ist also die Menschheit im Gesamten eine eigene Gattung? So gesehen: nein. Jeder Mensch erwirbt sich die Aufrechte, das sich anschließende Gehen, das Sprechen und das Denken selbst sind somit individuell. Wie er das Gehen ergreift, zeigt sich schon bei den ersten Versuchen und später fortgesetzt in der Art des Schreitens. Ob der Mensch mehr wippt und auf den Zehen geht oder energisch auf den Fersen auftritt, wie zaghaft den Fuß vortasten lässt oder auf der ganzen Sohle auftritt, darin spricht sich schon vieles aus. Noch deutlicher sind die Unterschiede beim sich anschließenden Erwerb der Sprache. Spricht ein Kind erst spät und dann schnell in ganzen Sätzen, ist die Rede lange Zeit in Einwortsätzen, kommen die Worte fließend oder mehr zögernd? Und erst beim Denken: wie schließt sich an eine Wahrnehmung im Umraum die Wortfindung und Verknüpfung mit schon gelernten Worten? Welche intuitive Wortkombinationen findet das Kind? Welche Fragen beschäftigen es? 

Wie führt sich diese individuelle Ergreifung der Persönlichkeit bis ins hohe Alter weiter und wo kommt sie ganz offensichtlich zur Erscheinung? Und wie hängt das mit dem noch viel mehr in Betracht kommenden Unterschied zur Tierwelt zusammen? 

Es gibt über den zu lernenden Erwerb des Aufrichtens hinaus noch drei Fähigkeiten, die nur der Mensch ausbildet, bzw. zur Verfügung hat: den Laut-, den Wort- und den Ich-Sinn. Diese hat das Tier nicht und kann sie auch nicht erwerben. Die Tiere vernehmen Geräusche und Töne und können vielerlei unterscheiden. Ein Sprachliches au von einem ei, ein e von einem ä, ein u von einem hu zu unterscheiden, vermag es so differenziert wie der Mensch nicht. Laute verschiedentlich kombiniert ergeben ein Wort. D.h. für den Menschen steckt darinnen ein Sinn, ein Begriff. Sprache setzt sich aus Lauten zusammen. Jene kann ein Tier nicht verstehen. Es fehlt ihm der Wortsinn. 

Als Drittes fehlt dem Tier der Sinn, ein anderes Ich-begabtes Wesen wahrzunehmen. Das Tier hat eine Wahrnehmung für Wesen, gleicher und fremder Art. Für eine Persönlichkeit, das Individuelle, das letztlich eine Biografie ausmacht und dem Menschen innewohnt, dafür hat es kein Organ. Beschreibt man die Biografie eines Tieres in freier Wildbahn, hat man seine Art zu leben für alle Tiere seiner Gattung beschrieben. Beim Menschen ist gerade die Biografie, die Lebensart, die Bewältigung des Lebens, die Lebenswege das entscheidende seiner „Art“. Jeder einzelne Mensch ist somit (s)eine eigene Gattung. 

Wenn das kleine Kind sich nun die Sprache erwirbt, benutzt es den Laut- und den Wortsinn. Die Sprache, die es aufnimmt, je nachdem welche die Eltern sprechen, prägt auch das Kind, prägt sein Gehabe. Welche kulturbildende Kraft wohnt nicht einer Sprache inne! Im Sprechenlernen prägt das Kind auch seine persönliche Art der Artikulation aus. Sein Sinn für das Wort prägt wiederum sein Denken. Jedes Kind ergreift den Wortsinn, das sich anschließende Denken in seiner individuellen Art. Man kann bei genauer Beobachtung von zwei Kindern, z.B. Geschwistern, im Spracherwerb und in der Anwendung oder Ergreifung des Denkens bedeutsame Unterschiede wahrnehmen. Obwohl die Kinder bei den gleichen Eltern aufwachsen und im selben Sprachkreis, wenden sie Worte anders an und ihre Gedankengänge nehmen andere Wege. Das sind oft feine, aber bedeutsame und bemerkbare Unterschiede. Der Mensch ergreift vielmehr die Sprache und das Wort, als beide ihn ergreifen.

Was sich sichtbar an die Sprache anschließt, ist die Begleitung dieser mit den Händen. Wir nennen es Geste. Das Gestikulieren trägt bei jedem Menschen ebenso einen individuellen Charakter. Woher kommt das? Die ergriffene Eigenbewegung kann nun durch die gehaltene aufrechte Stellung sich im Sprechen zur begleitenden Geste verwandeln. Dieselbe Kraft, die vorher im Suchen und Erhalten der menschlichen Aufrichtekraft wirksam wurde, zeigt sich nun in der Geste in ebenso persönlicher Art.  Einerseits ergreift den Menschen das Wort, das sich in der Geste fortsetzt, andererseits setzt er das Wort in Geste um. Hier sprechen sich Geist und Persönlichkeit gleichzeitig aus.

Was drückt sich nicht alles in der Gestikulation eines Menschen aus! Schon in der ersten Begegnung nehmen wir Menschen vieles wahr, was uns berührt, wenn es auch nur im raschen, oft unbewussten Abwägen von Sympathie und Antipathie stattfindet. Manche Menschen lesen darin. Wir nennen es auch Körpersprache.

Noch feiner gestaltet sich der Bewegungssinn in der Mimik des Menschen aus. Wieder findet hier Bewegung statt. Aber nur mehr im Gesichtsbereich, also verkleinert. Obwohl es hier internationale menschliche Erkennung von emotionalen Regungen gibt, wie das Lächeln und andere Emotionen, findet man dennoch große individuelle Unterschiede. Ein Lächeln kann bei dem einen Menschen strahlend und überwältigend sein, beim anderen nie mehr als den Anschein desselben haben oder unterkühlt wirken. Es gibt unendlich viele Unterschiede, so viele, wie es Individualitäten gibt.

Wir sehen hier das Wirken des Ichs bis in die feinen Bewegungen der Gesichtsmuskeln, die aber ein seelischer Ausdruck sind und ebenso Geistiges, Charakterliches offenbaren. Das ist in der Tierwelt so nicht vorhanden. Man kann natürlich von einer Physiognomie des Tieres in Bezug auf seine Körper- und Schädelform sprechen, die etwas ausdrückt. Von einer Mimik reden wir hier nicht wirklich, schon gar nicht als individuellen Ausdruck. Bei den Tieren spricht vielmehr der Körper gewordene Geist der Tierart zu uns.

Zum Allermenschlichsten gehört sicherlich das Antlitz des Menschen. Wir können uns vorstellen, dass das Antlitz des Menschen durch die Mimik entschieden geprägt wird.  Man denke nur an die Lachfalten oder die Sorgenfalten. Der Charakter des Menschen, die Lebenserlebnisse, die der Mensch in seiner jeweiligen Art aufnimmt und mehr oder weniger gut verarbeitet, zeichnen sich im Gesicht ein. Der Umgang mit Schicksalsschlägen oder der Lebensplanung wirkt über die Seelenkonstitution, die sich im Temperament und weiters im Charakter ausprägt, bis in den individuellsten Ausdruck: das Antlitz. So kann der Geist des Menschen mittels seines reflexiven Selbstbewusstseins über seine mentale Einstellung, durch die Tiefen der seelisch-geistigen Verfassung bis ins Körperliche hineinwirken.

Die empirische Forschung von heute bringt viel zutage, aber sie kommt mit ihren Beobachtungen nur bis zu einem gewissen Punkt. An dem bleibt sie stehen. Da Sie das Individuelle, das Ich, das Geistige des Menschen nicht einbezieht und nur die Oberflächenwirkungen beobachtet und konstatiert, kommt sie nicht über das Sinnliche hinaus. Sie wagt es nicht über das Beobachtete hinaus zu denken. Es fehlt ihr der Geist in ihrem Weltbild. Wenn sich eine Wissenschaft nur über das sinnliche Wahrnehmen definiert und das Denken darüber hinaus scheut, dann kann es zur Anschauung des Geistes nicht kommen. Und das Seelische, die Seele bleibt ein leeres Wort, das nur wie eine Regung das dem Körperlichen anhängt oder angeschaut wird. So reduziert, weil man den Geist aus der Naturwissenschaft verdrängt hat und ihn denkend nicht einmal in Betracht zieht, kommt man nicht zu einem Unterschied vom Menschen zum Tier. Damit verkommt der Mensch zu einem Wesen, das seine Würde immer wieder abgesprochen bekommt oder verliert. Die Menschheit wurde zu einer Art Tier, das sich nur in Wenigem, vor allem in körperlichen Merkmalen unterscheidet. Nicht im Sinnlichen findet man das Ent-scheidende, sondern im Geistigen. 

Günter Schlicker